Schön ist es, wenn Leute wieder miteinander reden (aus: Dresdener Neueste Nachrichten, 22.02.2003)
„Wenn zwei Parteien vor Gericht ziehen, ist es sicher, dass einer gewinnt und der andere verliert. Bei einem schlechten Urteil verlieren vielleicht beide. In der Mediation dagegen gewinnen auf jeden Fall beide.“ Mit diesen Worten beschreibt Ludwig Singewald, was er tut. Der studierte Jurist versucht seit knapp zehn Jahren, Rechtsstreitigkeiten nicht übers Gericht, sondern im Gespräch zu lösen. DNN-Mitarbeiterin Birgit Andert sprach mit dem so genannten „Mediator“ über die Geheimnisse seiner Arbeit im „Mediationszentrum“ auf der Bautzener Straße 101.
Frage: Mediation – das klingt fernöstlich und spirituell. Was muss man sich darunter vorstellen ?
Ludwig Singewald: In der Mediation kommen die Streitparteien an einem Tisch zusammen. Der Tisch ist leer, das Vergangene interessiert hier nicht. Ich als Mediatior erfrage die eingetretene Situation und versuche, den beiden vernünftig zu spiegeln, was sie sagen. Wenn einmal die unterschiedlichen Interessen offengelegt sind, sieht man viel besser, wo die Knackpunkte des Streits sind. Dabei gibt es strenge Spielregeln: Die Parteien dürfen sich nicht verletzen und nicht gegen den anderen reden. Jeder spricht so über die Situation, wie er sie für sich empfunden hat.
Wie sehr greifen Sie dabei in den Streit ein ?
Als Mediator motiviere ich nur die Einigungsbereitschaft. Ich gehe nicht zwischen die Parteien, und ich zwinge nichts auf. Die Lösungsvarianten kommen von den Streitparteien selbst, so dass am Ende beide damit leben können. Ein Anwalt will immer irgendetwas durchsetzen, er will nach vorn. Das will ein Mediator nicht, der nimmt sich sehr zurück.
Sie selbst haben viele Jahre als Anwalt gearbeitet, und sind auch jetzt noch als Anwalt tätig. Wie lässt sich das mit der Mediation vereinbaren ?
Den Sportsgeist irgendetwas herauszuschinden, hatte ich sowieso noch nie. Und eigentlich habe ich auch als Anwalt schon versucht Probleme außergerichtlich zu klären. Zum Beispiel hatte ich einen Mandanten, der einen Streit mit seiner Frau um den Zugewinnausgleich hatte. Ich habe ihn gebeten, seine Frau doch mal mitzubringen. Sie waren zusammen bei mir, und das Problem löste sich ganz schnell. Die Frau, die mit ihrem Mann vorher nicht mehr gesprochen hatte, war ganz nett und rasch bereit, 100 000 Mark zu zahlen. Als mein Mandant sie fragte, warum sie plötzlich mir Dingen einverstanden war, die sie noch am Vortag abgelehnt hatte, sagte sie: „Aber heute sind wir doch bei ihm.“ Das war für mich ein großes Kompliment.
Und es zeigt, was ein Mediator erreichen kann. Was war denn Ihr größter Erfolg ?
Auch das ist bei der Mediation nicht mehr so wichtig. Wenn man als Anwalt einen Prozesserfolg hat, freut man sich, weil es einen bestätigt. Als Mediator freut man sich zu merken, wie Menschen, die einen Streit hatten, wieder miteinander reden. Vor 14 Tagen zum Beispiel habe ich in zweieinhalb Stunden einen vierjährigen Rechtsstreit beendet. Die Eheleute hatten drei Jahre lang nicht miteinander gesprochen. Bei mir hat erst er gesprochen, dann sie, und am Ende war er bereit, beinahe so viel auszuzahlen, wie es auch ihr Anwalt verlangt hatte. Ich glaube meine Offenheit steckt einfach an.
Ist Mediation nur für Ehestreitigkeiten geeignet ?
Nein, ich habe an diesem Tisch auch schon Erb- und Baustreitigkeiten geklärt. Gerade bei Konflikten im Baugewerbe ist es auch so, dass vor Gericht einer verklagt wird, der den Fehler gar nicht verursacht hat. Um das zu klären, sollte man sich lieber an einen Tisch setzen, als lange Wartezeiten bei Gericht und hohe Kosten in Kauf zu nehmen. Es muss natürlich von allen gewollt sein. Viele wollen in Baustreitigkeiten ja einfach Geld sparen. Sie zahlen nicht und schützen bewusst Mängel vor. Gegen solche Vorteilsjägerei kann natürlich auch die Mediation nichts ausrichten. Doch wer es ernst meint, der ist bereit zur Mediation (150,- Euro pro Stunde), die beiden hilft, nicht nur Zeit, Nerven und Geld zu sparen.
|
|